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Wolf Schneider irrlichtert durch den Online-Journalismus

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09/10/2012 von Stephan Dörner

Wolf Schneider
Foto: Sven Teschke; Lizenz: CC BY-SA 3.0

„Handbuch des Journalismus“ – das ist ein großer Name. Berufsanfängern erklärt der gestandene Journalist und Sprachpapst Wolf Schneider zusammen mit Paul-Josef Raue, seit Ende 2009 Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen, wie die Regeln des Journalismus funktionieren – und das bereits seit Jahrzehnten.

Als ich irgendwann 2011 entdeckte, dass die beiden Autoren eine Neuauflage des Buchs planen, habe ich es mir direkt vorbestellt. Das Buch trug nämlich einen für mich vielversprechenden Titel: „Das neue Handbuch des Journalismus und des Online-Journalismus„. Inzwischen gibt es das Werk auch für nur 4,50 Euro von der Bundeszentrale für politische Bildung.

Online-Journalismus findet nur im Kapitel-Ghetto statt

Als ich das Buch dann Ende 2011 in den Händen hielt, musste ich feststellen, dass der Titel mehr verspricht als der Inhalt halten kann: Ganz überwiegend handelt es sich um dasselbe zwar solide aber inzwischen doch hoffnungslos veraltete Grundlagenwerk für Journalismus-Anfänger, dessen Beispiele fast alle aus Schneiders aktiven Zeit als Journalist stammen, also den 1950er bis zu den späten 1970er Jahren. Dass Schneider schon lange keine internen Redaktionsabläufe mehr hautnah miterlebt hat und sich Paul-Josef Raue vor allem im Lokaljournalismus auskennt, wird an vielen Stellen des Buchs deutlich.

„Handbuch des Journalismus und Online-Journalismus“. Das Kapitel über Online-Journalismus ist ein Reinfall.
Foto: Amazon.de

Schon im Vorwort betont Schneider, dass Online-Journalismus für ihn nur eine Fußnote ist – auf den Titel hat es das Thema trotzdem geschafft. Das Thema Online-Journalismus wird nur in einem einzigen, zwischengeschobenen, Kapitel behandelt – auf den Seiten 23 bis 45. Es ist isoliert vom Rest des Buches, in dem die Online-Perspektive ansonsten nicht vorkommt. Während die anderen Kapitel zwar einen etwas angestaubten, für Berufsanfänger aber durchaus interessanten Einblick in das Handwerk und die Prozesse des Journalismus gewähren, ist das Kapitel über Online-Journalismus meiner Meinung nach schlicht misslungen. Die Autoren, geboren 1925 (Schneider) und 1950 (Raue), machen sowohl deutlich, dass sie die Mechanismen des Internets und des Online-Journalismus nicht verstehen – als auch, dass sie sie gar nicht verstehen wollen.

Nicht iPhone und iPad – Nachrichten machen Apple reich! 

Dass die beiden Autoren das Internet nicht als Kommunikationsmittel, sondern lediglich als Vertriebsweg (S. 23) sehen, ist in der Branche ja schon leider fast der Normfall. Von da an wird es aber schlimmer. Der Journalismus stehe im Wettbewerb mit Facebook und Bloggern (S. 26), heißt es da beispielsweise – obwohl jede größere Online-Nachrichtenredaktion in Deutschland schon eigene Social-Media-Redakteure beschäftigt, weil sie die sozialen Medien vor allem als Vertriebskanäle erkannt haben, um Artikel in einer jüngeren Zielgruppe zu bewerben. Facebook ist daher keine Konkurrenz für Journalismus, sondern im Gegenteil der einzige Weg, wie viele jüngere Internet-Nutzer überhaupt noch auf klassische journalistische Inhalte gestoßen werden.

Weiterhin übernehmen die Autoren unkritisch die falsche Propaganda einiger Verlage: Google und Apple würden mit Nachrichten anderer reich (S. 26) – dabei verdient Apple fast sein gesamtes Geld mit dem Hardwareverkauf und Google mit Suchen und Interessen. Nachrichten spielen für das Geschäft von Apple keine Rolle – selbst innerhalb des für den Gesamtkonzern bedeutungslosen Umsatz mit Apps und Inhalten dominieren Musik und Spiele. Google bewirbt Google News nicht und journalistische Inhalte spielen für Suchen eine völlig untergeordnete Rolle – insbesondere für die Suchmaschinenwerbung.

Die Autoren setzen ihre Ausführung mit einer ewigen Litanei darüber fort, wie schlimm das Internet ist und was es alles zerstört, um dann auf S. 28 zu schreiben: „Die Regeln für klassischen Journalismus ändern sich im Internet nicht.“ Die Autoren werfen – offenbar um sich einen modernen Anstrich zu geben – dann noch wahllos mit einigen Buzz-Wörtern wie „VoiceOverIP“ um sich, die nicht einmal im Ansatz etwas mit dem Thema Online-Journalismus zu tun haben, um dann zu festzustellen: „im Internet geht es um das Alte, um Texte und Bilder. Mehr nicht.“ Kein Wort zu Datenjournalismus, sozialen Netzwerken, neue Textformen wie Live-Blogs, Videos, interaktiven Grafiken oder Data Driven Journalism. Später wird dann kurz und oberflächlich doch noch auf die wichtigsten neuen Formate wie Podcasts und Videos eingegangen.

Sinnentstellendes Zitat

Auf Seite 32 dann begehen die Autoren einen Kardinalfehler des Journalismus, indem sie ein Zitat des Ex-Handelsblatt-Journalisten Kollegen Thomas Knüwer (Twitter) sinnentstellend aus dem Zusammenhang reißen und ihm sogleich Arroganz gegenüber Online-Kollegen unterstellen. „Online-Redakteure sind dumme Textschrubber, die nichts können“, soll er nämlich gesagt haben – hat er aber nicht. Tatsächlich hat er dem Journalist gesagt: “Aber Onliner sind aus Sicht vieler Printkollegen nur die dummen Textschrubber, die nichts können” – um diese Haltung anzuprangern, wie er auch in seinem Blog ausführt.

Die Entwicklung der großen Online-Redaktionen über die vergangenen Jahre ist an den beiden Autoren offenbar völlig vorbeigegangen. Für sie sieht die typische Online-Redaktion immer noch so aus, dass dort meist ein überforderter Redakteur sitzt, der das Netz „ohne Sinn und Verstand“ füllt und zwar unter anderem mit „bearbeiteten PR-Texten“. Ich selbst habe durchaus auch Erfahrungen mit einer Online-Redaktion aus dem Bereich des Lokaljournalismus, welche die beiden Autoren hier offenbar immer unausgesprochen vor Augen haben. Selbst dort arbeitet aber schon seit Jahren eine zweistellige Zahl an Redakteuren und kein einsamer Agentur-Schubser. Wobei ich zugegebenermaßen auch schon mit Kollegen aus Online-Redaktionen im Lokaljournalismus gesprochen haben, bei denen die Zustände näher an dem Bild sind, das Schneider und Raue hier zeichnen.

Um die niedrige Qualität des Online-Journalismus zu beweisen, zitieren die Autoren ausgerechnet den Bluewater-Skandal. Auf dem im Internet inszenierten Selbstmordanschlag fiel die dpa herein – eine ganz klassische Nachrichtenagentur.

Der Blogger-Krieg

Richtig absurd allerdings wird es ab Seite 45 im Kapitel über Blogger. „Zwischen Journalisten und Bloggern herrscht Krieg“, heißt es da zu Einführung. Als Beleg werden die Beschimpfungen von einigen Berufskonservativen bei FAZ und SZ sowie dem hauptberuflichen Provokateur Henryk M. Broder zitiert. Die Autoren schwadronieren von einem „Machtwechsel“, der stattgefunden habe – ein Wort, das angesichts der völlig unterentwickelten deutschen Blogger-Szene geradezu lächerlich ist.

Fazit

Die Themen abseits des Online-Journalismus vermitteln dem Berufsanfänger und Journalistenschüler ein leicht angestaubtes aber solides und vor allem umfangreiches Wissen über die handwerklichen Fähigkeiten, die ein Journalist beherrschen sollte. Die Kapitel über Sprache, Stilformen und Recherche sind auch heute noch sinnvoll und gut zu lesen.

Die Kapitel, die den Redaktionsalltag und Ausbildung zum Journalisten behandeln, sind leider veraltet oder beleuchten alleine den Lokaljournalismus. Vollkommen rückwärtsgewandt allerdings und vom Rest des Buches isoliert ist das missratene Kapitel über den Online-Journalismus. Statt Perspektiven aufzuzeigen, suhlen sich die Autoren im Kulturpessimismus und blicken von außen auf eine Entwicklung, die sie offensichtlich nicht verstehen und daher mit Fassungslosigkeit begegnen.

Kritiker sind Altlinke oder bei der Henri-Nannen-Schule durchgefallen

Wie wenig kritikfähig Wolf Schneider ist, zeigte sich als insbesondere das Online-Kapitel zu Recht scharf kritisiert wurde – unter anderem von der Journalismus-Expertin Ulrike Langer, dem Professor für Journalistik Peter Schumacher, dem Journalisten und Dozenten Christian Jakubetz und anderen. Etwas differenzierter äußerte sich übrigens ausgerechnet jemand, der sonst gerne drauf haut: Medienjournalist Stefan Niggemeier.

In seiner unerbittlich starrsinigen Art sagte Schneider auf die Kritik angesprochen im Interview mit Meedia:

Es gibt eine Clique von Altlinken, die mich seit Jahrzehnten nicht leiden können, dann gibt es die Durchgefallenen bei der Henri-Nannen-Journalistenschule. Harald Schmidt reitet ja in lockerer Folge darauf rum, dass er bei mir durchgefallen ist. Auch Professoren der Linguistik und Publizistik wollen sich an mir rächen. Denn ich habe mich mehrfach öffentlich gegen den ganzen akademischen Journalismus-Betrieb geäußert.

Wer ein lohnendes Buch von Wolf Schneider lesen möchte, der kaufe sich lieber „Deutsch für Profis: Wege zu gutem Stil„. Fürs Protokoll: Ich bin bei der Henri-Nannen-Journalistenschule nicht durchgefallen, dort habe ich mich nie beworben.

Hinweis: Die Amazon-Verweise sind gesponserte Links.

2 Kommentare zu “Wolf Schneider irrlichtert durch den Online-Journalismus

  1. Karel Wodak sagt:

    Bisschen schwach recherchiert: Die technische Panne mit dem dadurch verzerrten Zitat hat
    der Verlag mit dessen Autor längst – öffentlich – geklärt. Und die Kapitel über Online-Journalismus klassisch missverstanden, aber herzhaft kommentiert: In allen Medien
    nachlässiger Journalismus… Nichts für ungut, wie wir Tschechen sagen.

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