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Lesenswert im Web: Trial and Error für den Journalismus

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10/10/2012 von Stephan Dörner

„Wir müssen eine Kultur des Ausprobierens entwickeln“, sagt Hans Arnold, Chef der Düsseldorfer Mediengruppe Rheinische Post im Interview mit Meedia. Die Düsseldorfer experimentieren derzeit unter anderem mit einer rein digitalen Sonntags-Ausgabe namens RP+ mit Magazincharakter, die auf dem iPad erscheint und durch ihre Themenwahl vor allem jüngere Leser ansprechen soll.

Zu den Experimenten gehören offenbar auch personalisierte Apps. Im Interview mit der Branchenzeitung Horizont kündigte Sven Gösmann, Chefredakteur der Rheinischen Post, auf die Nutzer zugeschnittene, personalisierbare Inhalte an. „Was Immoscout, Foursquare oder Google Street View können, können wir auch. Das ist letztlich nur eine Frage der Technik. Aber: Wir haben zusätzlich eine Fülle von journalistisch aufbereitetem Content, den die anderen nicht haben. Unser Ziel muss es sein, das Hauptinformationsportal für die Stadt und die Region zu werden.“.

Die RP ist profitabel und ging zuletzt im Regionalzeitungsmarkt auf Einkaufstour: „Saarbrücker Zeitung“, „Trierischer Volksfreund“, „Pfälzischer Merkur“ in Zweibrücken und „Lausitzer Rundschau“ in Cottbus haben die Düsseldorfer übernommen. „Gemeinsam mit Madsack, dem Verlag der Augsburger Allgemeinen und einigen wenigen anderen Verlagen steht die RP Mediengruppe für den dieser Tage zuweilen trotzig-selbstbewusst vorgetragenen Zeitungs-Optimismus. Der nicht zu verwechseln ist mit Print-Optimismus„, bemerkt Meedia.

Wie notwendig das Experimentieren ist, unterstreicht Online-Journalismus-Professor Paul Bradshaw in seinem Blog. Das alte System der Medien sei kaputt, schreibt er.

No one has the answer to the question of paying for journalism, but we should at least acknowledge that the old system is broken. We cannot go back to print profit margins: readers have left, and advertisers are following.

Die libertäre US-Tageszeitung The Orange County Register glaubt dagegen an Print und stellt 40 neue Reporter ein, vornehmlich für Print, wie Nieman Journalism Lab berichtet – „because print’s where the money is“. Das gilt übrigens auch nach wie vor für die experimentierfreudige Rheinische Post: Nur etwa acht Prozent des Umsatzes wird laut Meedia dort derzeit in den digitalen Geschäftsfeldern erwirtschaftet. Organge County Register hat sich zuletzt vermehrt auf den Lokaljournalismus konzentriert, den es im Netz nicht gratis gibt. Ein Schwerpunkt ist die High-School-Sportberichterstattung.

Die junge Schweizer Politikerin Tania Woodhatch führt in ihrem Blog dagegen aus, warum sie keine Tageszeitung abonniert. Ihre Kernpunkte:

– unhandliches, grosses Format (wenn man nicht damit aufgewachsen ist, versteht man auch nicht einmal, weshalb Tageszeitungen so ein mühsames Format haben müssen)

– viel zu umfangreich (grosser Druck, täglich so viel zu lesen)

– Kosten

– Umweltgedanken

– Keine Interaktion möglich

Ihr Alternative: Twitter mit den entsprechend ausgewählten Personen, denen sie folgt:

Ich bin mir bewusst, dass ich vielleicht auf diese Weise nicht alles mitbekomme. Jedoch kann ich über Twitter sehr gut steuern, was für Personen mit welchen Interessen ich folge. Ich wage zu behaupten, dass unter den rund 850 Personen, denen ich folge, sehr viele sehr belesene, interessierte und gebildete Personen mit differenzierten Meinungen sind. Durch sie wurde ich schon auf viele Artikel oder Diskussionen aufmerksam, die ich sonst verpasst hätte.

Es mag sein, dass ein Abonnent einer Tageszeitung den breiteren Überblick hat – was ihm dafür fehlt: Die Volksstimme, was die Personen wirklich denken, was sie austauschen, was sie kommentieren etc. Die wenigen Leserbriefe werden kaum ein ähnlich lebhaftes und unzensuriertes Bild liefern wie Kommentare auf Twitter oder in Nachrichtenportalen (die oft zum Schreien sind, aber auch das ist eine Realität). Bei Twitter „kennt“ man die verschiedenen Leute und ihre Haltungen mit der Zeit und kann deshalb ihre Kommentare relativ gut einordnen.

Beim Flurfunk Dresden erklärt unterdessen der sächsische SPD-Politiker Dirk Panter seine Motivation hinter einer Anfrage zum Online-Journalismus an die sächsische Staatsregierung, dessen Antwort von Staatsminister Johannes Beermann (CDU) zum Hit in sozialen Netzwerken wurde. Die Frage, was die sächsische Staatsregierung unter Online-Journalismus verstehe, beantwortete Beermann mit dem Satz: “Die Staatsregierung versteht unter Onlinejournalismus Onlinejournalismus.” Die Bild-Zeitung machte daraufhin Anfragensteller Panter (und nicht etwa den antwortenden Beermann) sogar zum „Verlierer des Tages“.

Dass Panter gute Gründe für seine Anfrage hatte, führt er nun im Flurfunk-Interview aus:

Panter: In meinen Augen ist Onlinejournalismus eine eigene Gattung des Journalismus, die sich in den letzten Jahren mehr und mehr entwickelt hat. Dass diese Gattung auch einen eigenen Markt hat, zeigt die aktuell geführte Debatte. Also ist es nur konsequent, sich über die Gestaltung und die Spielregeln dieser Branche Gedanken zu machen. Genau an diesem Punkt aber stecken Staatsminister Beermann bzw. die Staatsregierung in einem Dilemma: Entweder lehnen sie Onlinejournalismus als eigene Gattung des Journalismus ab – machen sich damit aber in der Fachwelt lächerlich, weil sie die Augen vor der Realität verschließen. Oder aber sie gestehen dem Onlinejournalismus zu, nicht nur Ausweitung des bisherigen Angebotes ins Internet, sondern eine eigene Gattung zu sein – was gleichzeitig die Argumente der privaten Verleger ad absurdum führen würde.

Zum Hintergrund: Verlage hatten gegen die Tagesschau-App der ARD geklagt – und dabei im Grunde verloren. Das Gericht untersagte nur die Ausgabe eines einziges Tages, die klagenden Verleger wollten die App generell untersagen.

Bei den Kollegen vom Basic Thinking Blog wurde gestern dasselbe Thema behandelt wie bei mir im Blog: Crowdfunding im Journalismus anhand des aktuellen deutschen Beispiels Feodo.

Das IT-Fachblog Gigaom beschäftigt sich mit Portalen wie Bleach Report, die ausschließlich mit User Generated Content befüllt werden und nach dem Prinzip „Demand Media“ vor allem jene Themen bedienen, die in Suchmaschinen gesucht werden.

In Deutschland gibt es in diesem Bereich beispielsweise das Portal Shortnews. Kritiker sehen darin Content-Farmen, bei denen Texte wie am Fließband für Google produziert werden. Gigaom hält dem entgegen, dass derartige Portale Autoren die Möglichkeiten geben, zu zeigen, was sie können, ohne sich erst durch das traditionelle Medien-Ökosystem durchkämpfen zu müssen und nennt das die fortschreitende Demokratisierung des Journalismus.

Mit der möglichen kommenden Online-Werbe-Revolution beschäftigt sich das Wall Street JournalComputer lernen Bilder verstehen. Eine Reihe von Start-ups in den USA bieten bereits erste Lösungen an, wie die Motive von Fotos online erfasst werden können, sodass je nach Kontext Werbung oder andere Informationen eingeblendet werden. Dasselbe passiert bereits seit Jahren bei Ad-Netzwerke wie Google AdSense. Einige arbeiten dabei nur mit Maschinen-Algorithmen, bei anderen helfen noch Menschen nach. Auch Google hat schon investiert: In das Start-up Luminate. Vielleicht ja eine Lösung gegen die Bannerblindheit?

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