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Medienwandel: Das Rauschen macht die Geschichte

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10/10/2012 von Stephan Dörner

Mein WSJ.de-Kollegen Jörgen Camrath (Twitter) war auf der Social Media Week in Berlin. Von dort berichtet er in einem Gastbeitrag über einen Vortrag von Gavin Sheridan (Twitter), Innovation Director bei dem sozialen Nachrichtenaggregator Storyful – einem Service für Journalisten.

Der Journalismus hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt. Das Internet ist zu einer wichtigen, wenn nicht der wichtigsten Informationsquelle geworden. Auf der Social Media Week in Berlin hat Gavin Sheridan von Storyful über diese Veränderungen gesprochen und gezeigt, wohin die Reise geht.

Von Jörgen Camrath

Gavin Sheridan ist Innovation Director bei Storyful. Am 28. September war er auf der Social Media Week in Berlin zu Besuch und sprach über seine Arbeit, und wie sich der Journalismus in den vergangenen Jahren verändert hat. Storyful ist ein Nachrichtenaggregator 2.0, eine “soziale Nachrichtenagentur”.

Sheridan erklärte, man verstehe sich als „outgesourceter Newsroom“ und biete „Journalismus als Dienstleistung“ an. Das Unternehmen sitzt in Dublin, hat jedoch Mitarbeiter in vier verschiedenen Zeitzonen, um die wichtigsten Regionen 24 Stunden am Tag abdecken zu können. Als Partner arbeitet man unter anderem mit Youtube, der New York Times, France24 und ABCnews zusammen.

Etwa 20 Journalisten arbeiten für Storyful. Sie recherchieren, bewerten und bereiten Nachrichten für unterschiedliche Kanäle auf – ganz wie es normale Journalisten eben tun. Allerdings sind es keine Pressekonferenzen oder Konzerte, für die sie sich interessieren. „Proteste, Konflikte, Katastrophen sind für uns relevant“, sagte Sheridan. „Sachen, bei denen Menschen ihre Smartphones aus der Tasche holen, um ein Video zu machen.“

Noise – unter diesem Schlagwort fasste Sheridan ein Phänomen zusammen, dem das Unternehmen seine Arbeitsgrundlage verdankt. Es werde immer mehr Noise – also Rauschen – erzeugt: Bilder, Videos, Tweets, Youtube-Videos. Um seinen Worten Bedeutung zu verleihen, hatte er ein paar Zahlen mitgebracht. 72 Stunden Video würden auf Youtube jede Minute hochgeladen. 2011 seien 1 Billion Videos angeschaut worden. Auf Facebook würden jeden Tag 250 Millionen Fotos gepostet (Zahlen von vor sechs Monaten). Twitter hätte 2010 100 Millionen Tweets am Tag gehabt, 2012 sind es mehr als 400 Millionen. Journalisten seien in der Regel noch nicht daran gewöhnt, diese Quellen ausreichend zu nutzen.

Wer?

Der normale Journalist würde Twitter vor allem noch über die Webseite nutzen. Die erweiterte Suchfunktion sei für viele von ihnen darum ein Aha-Erlebnis. Wie Twitter heute überall auf der Welt eingesetzt wird, dafür sei die Notlandung eines Flugzeuges im Hudson-River in New York 2009 ein gutes Beispiel. Damals wurde ein Foto hundert- und tausendfach geteilt und verbreitete sich in Sekundenschnelle. Heute, so Sheridan, würden sich vermutlich innerhalb von wenigen Minuten zahlreiche Videos und Bilder finden lassen, da Smartphones immer beliebter würden, mit denen man fotografieren und filmen kann. Für Journalisten ergeben sich dadurch ganz neue Möglichkeiten. So lässt sich beispielsweise einstellen, dass einem alle Videos und Fotos angezeigt werden, die in einem Radius von 5 Kilometern um einen Schauplatz herum aufgenommen wurden.

Neben der Twitter-Suche ging Sheridan auch auf Facebook ein. Zwar gebe es viele Nutzer, die ihre Timelines abschotten würden – doch viele ließen sich einfach von jedem abrufen. Mit der Open Status Search könnte man zum Beispiel nach Menschen suchen, die gerade in einem notgelandeten Flugzeug saßen und darüber auf ihren Facebook-Seiten berichten.

Sheridan und seine Mitarbeiter leben davon, ständig auf dem Laufenden zu sein. Sie müssen mitbekommen, wenn irgendwo auf der Welt etwas passiert. „Normalerweise recherchiert ein Journalist eine unbekannte Geschichte und veröffentlicht sie anschließend“, erklärte er. Dann würde sie gelesen und die Menschen würden darüber reden. Heute sei es jedoch häufig anders. „Die Menschen reden oder twittern über etwas, der Journalist bekommt es mit und fängt dann erst an zu recherchieren, was dahinter steckt.“ Um nichts zu verpassen, würden er und sein Unternehmen auch Trendsmap schätzen. Dort wird auf einer Karte angezeigt, was gerade wo Gesprächsthema ist.

 Wo? 

Häufig stellt sich bei einem Bild oder Video die Frage, wo genau es entstanden ist. Sheridan zeigte ein Youtube-Video, das im vergangenen Jahr irgendwo in Syrien entstanden war. Zu sehen ist eine Straße mit Menschen. Plötzlich fallen Schüsse. Eine Person bleibt auf der Straße liegen, Panik bricht aus. Während man solche Bilder vor ein paar Jahren nur in Filmen der Geheimdienste gesehen hätte, könne man heute überall im Internet darüber stolpern, sagte der Storyful-Mitarbeiter. Es gebe eine kurze Beschreibung, häufig würde es sogar eine textliche Einleitung am Anfang des Videos durch den Uploader geben. Doch wo und wann das Video entstanden sei, müsse häufig nachvollzogen werden. Mit Google Streetview könne man relativ einfach herausfinden, an welchem Ort der Film aufgenommen wurde. Anhand des Sonneneinfalls sei es sogar möglich, die Uhrzeit abzuschätzen. „Es gibt zwar kein Streetview in Syrien, doch Satellitenaufnahmen stehen heute nicht mehr nur den Geheimdiensten zur Verfügung“, sagte Sheridan. Wer ein interessantes Video auf Youtube entdecke, der solle den Macher einfach anschreiben. 95 Prozent hätten nichts dagegen, wenn ihr Film in einer Nachrichtensendung gezeigt würde.

Eine weitere gute Quelle, um herauszufinden, wo ein Video entstanden ist, ist Flickr. Das soziale Netzwerk eignet sich vor allem als Absicherung. Wegen der Masse an Bildern, die dort geteilt wird, lässt sich gut recherchieren, ob es einen bestimmten Ort tatsächlich gibt und wie genau es dort aussieht. Wikimapia fügt dem ganzen dann noch einen Kontext hinzu.

Als Beispiel, wie man aus einem Video auf den Macher schließen kann, zeigte Sheridan ein Amateurvideo von einem Brückenkampf in Ägypten. Anhand der Position der Kamera konnten die Journalisten bei Storyful herausfinden, aus welchem Hotel das Video gemacht wurde und mit dem Verfasser Kontakt aufnehmen. Der hatte schließlich nichts gegen eine Verwendung seines Films.

Was ein Tweet verrät

Was kaum jemand weiß: Hinter jedem Tweet stecken jede Menge Informationen, die für Twitter, Drittanbieter und andere Firmen interessant sind. Im Quelltext jeder Kurznachricht versteckt findet sich die Anzahl der Follower des Urhebers, wie oft der Text geteilt wurde, seit wann er bei Twitter angemeldet ist und sogar häufig, wo genau der Tweet abgesetzt wurde. Diese Informationen sind auch für Journalisten wichtig. Sie können mit ihnen herausfinden, ob ein Bild oder Video tatsächlich echt oder eine Fälschung ist. Wenn zum Beispiel jemand erst drei Nachrichten geschrieben hat und plötzlich einen tollen Film von einem Tornado postet, dann muss recherchiert werden, was dahinter steckt. Gibt es ein Datum? Wohnt der Verfasser vielleicht tatsächlich in der Nähe eines Ortes, wo vor kurzem ein Unwetter durchgezogen ist? Was für Informationen verstecken sich in den Metadaten des Bildes oder Videos?

Twitter verkauft diese Informationen an Firmen wie Datasift. Journalisten und Konzerne wiederum nutzen die Dienste dieser Unternehmen, um „das Netz“ nach bestimmten Stichwörtern zu durchsuchen. Hier wird in Echtzeit angezeigt, was die Welt bewegt.

Journalisten müssten noch viel lernen, war das Fazit von Sheridan am Ende des Vortrages: Wie lassen sich Nachrichtenströme filtern? Wie ordnen, wie sammeln? Und vor allem: Wie lässt sich die Masse an Informationen auswerten. Storyful ist eine Möglichkeit. Doch es gibt noch viele mehr.

Dem Autor auf Twitter folgen.

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2 Kommentare zu “Medienwandel: Das Rauschen macht die Geschichte

  1. […] “sozialen Nachrichtenagentur” Storyful über die mein Kollege Jörgen Camrath bereits einen Gastbeitrag in meinem Blog veröffentlicht hat. Einen ausführlichen Artikel zu der Thematik findet ihr beim Africa-Blog der DW-Akademie: How ARD, […]

  2. […] Wieder einmal zeigt sich: Das Internet stellt das bisherige Verlagsgeschäft vor einen Umbruch, die Angelsachsen nennen es eine Disruption. Doch der Umbruch eröffnet auch viele neue mögliche Einnahmequellen mit dem Geschäft des Journalismus. Spannend wird zu sehen sein, wie viele davon von den Verlagen ausgefüllt werden – und wie viele von Start-ups wie Carity und Storyful. […]

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