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Journalisten schlagen bei Leser-Kommentaren zurück und mehr – lesenswert im Web

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22/10/2012 von Stephan Dörner

Derzeit ist einiges los im deutschen und internationalen Journalismus. Die wichtigsten Nachrichten im Überblick:

Experimentierfreude beim Hamburger Abendblatt: Die Lokalzeitung aus dem Hause Springer startet einen Straßenratgeber. „Dazu haben 150 Redakteure und Reporter zwei Monate lang rund 8100 Straßen katalogisiert, fotografiert und nach zehn verschiedenen Kriterien wie Wohnqualität, Lärm, Grünflächen und Einkaufsmöglichkeiten bewertet“, schreibt Meedia. Ab November soll das Portal von Abendblatt.de online gehen.

Auch die Sueddeutsche.de experimentiert mit dem Tumbl-Microblog „Gefällt mir„. Dort sollen lustige und skurrile Internet-Phänomene, sogenannte Meme, gesammelt werden. „Die Blattmacher feiern genau mit dieser Art von Web-Humor große Erfolge – auf ihrer Facebook-Seite“, schreibt Meedia. „Mit ihrem neuen Blog können die Web-Kollegen gleich doppelt profitieren: Sie können einen gewissen Anteil am viralen Traffic-Potential der Web-Hypes einfahren und zudem redaktionell über die Online-Trends berichten.“

Die meisten Online-Journalisten  betrachten die Sperrfrist als lästigen Anachronismus. Oft mag sie lächerlich sein, zum Beispiel im Falle von Urzeitkrebsen im neuen Yps-Heft – bei Nachrichten aus den großen Wissenschaftsjournals wie „Nature“ und „Science“ ist sie aber durchaus sinnvoll, argumentiert der Wissenschaftsjournalist Daniel Lingenhöhl (Twitter) auf spektrum.de: Ein Lob der Sperrfrist.

Gewohnt Provokantes vom US-Journalisten und Dozenten Jeff Jarvis: Der Erfolgs-Autor („Was würde Google tun?„) hat dem Vocer anlässlich seines neuen Buchs „Mehr Transparenz wagen!: Wie Facebook, Twitter & Co die Welt erneuern“ ein Interview gegeben. Dort spricht er mit Medienjournalistin Ulrike Langer (Twitter) unter anderem über Unternehmer-Journalisten, die sich dank des Internets dem Verlag als Zwischenhändler entledigen. Er sieht Journalisten heute „nicht auf dem Inhaltemarkt sondern auf dem Beziehungsmarkt„. „Wir müssen weg vom alten Medienmodell, dass besagt, dass mehr von allem besser ist, zum Beispiel mehr Seitenaufrufe, und hingelangen zu einem direkten Modell, dass auf Beziehungen zu Medien beruht“, sagt Jarvis – ohne allerdings allzu konkret werden, was das bedeutet.

Quelle: medialdigital.de

Journalisten schlagen bei den Leser-Kommentaren zurück: In der Theorie sollen Leser-Kommentare wertvolle Hinweise, Korrekturen und Ergänzungen liefern sowie das eine oder Mal gar einen Ansatz für eine weitere Recherche. Das alles kommt vor – viel dominanter sind in den angeschlossenen Online-Foren der Nachrichtenportale aber leider nervende Trolle, Rassisten, Sexisten, Verschwörungstheoretiker und andere nervtötende Gestalten. Auch Journalisten sind vom Mainstream der Kommentare genervt – und finden einen unterschiedlichen Umgang damit. So besuchte Zeit Online beispielsweise mal einen der typischen immerdumpfen Kommentarschreiber. Auch andere Formen des Umgang mit Leser-Kommentaren erinnern an Therapie: FAZ.Net macht ein Quiz draus („Heute schon gepöbelt?„), das Hausblog der Taz versucht eine Typologie der Trolle und die FTD berichtet von einem Hass-Peotry-Slam, bei dem sich Journalisten gegenseitig die schönsten Leserzuschriften vorlesen.

Unterdessen will Dirk von Gehlen (Twitter), Social-Media- und jetzt.de-Chef der SZ, mit Lesern zusammen sogar ein Buch schreiben. Die sollen das Werk „Eine neue Version ist verfügbar“ auch auf Startnext per Crowdfunding vorfinanzieren. Das Buch soll zeigen, „wie Digitalisierung Kunst und Kultur verflüssigt“ – also die Grenzen zwischen Medienkonsumenten und Medienproduzenten verschwimmen lässt.

„Rettet Print!“ lautet der Appell des Cicero. Das Politik-Magazin glaubt, dass Papierjournalismus nicht verschwinden darf – „denn bislang erfüllt nur er die gesellschaftlich wichtige Kritik- und Kontrollfunktion“. „Wenn [….] über die digitale Revolution diskutiert wird, zitieren Medienvertreter und Netzaktivisten gern dieses ‚Riepl’sche Gesetz‚. Demnach werde mit dem Internet auch nicht die Tageszeitung verschwinden. Diese Annahme hat nur einen Haken: Das Internet ist nämlich nicht einfach nur ein neues Medium, also ein Kanal, über den Botschaften verbreitet werden. Es ist vielmehr ein Saugfilter, der alles aufnimmt, was es an traditionellen Medien bisher gab: Radio, Fernsehen, Internet„, heißt es beim Cicero. Die Folge: Immer weniger Journalisten füttern immer mehr Medienprodukte. Und Qualität finde immer noch vorwiegend gedruckt statt, wie der Henri-Nannen-Preis zeige, der ausdrücklich auch Online-Journalismus zulasse. Nur einmal habe ein Online-Produkt gewonnen: 2005 war es der Fußball-Liveticker von kicker.de.

Mit den Schattenseiten des Online-Journalismus beschäftigt sich der erst 25-jährige Marketingstratege Ryan Holiday (Twitter). Der Experte für Guerilla-Marketing hat in der Vergangenheit gerne mit unsauberen Methoden gearbeitet – und war laut eigener Aussage erschreckt darüber, wie bereitwillig insbesondere Online-Medien, die auf den schnellen Klick aus sind, sich haben einspannen lassen. „Trust Me, I’m Lying: Confessions of a Media Manipulator“ ist eine Abrechnung mit der PR-Branche und den Medien.

Es ist der Vertriebsweg, der über die Qualität der Inhalte bestimmt. Über weite Teile des vergangenen Jahrhunderts dominierte das Abomodell. Verleger mussten vertrauenswürdige Informationen liefern, um ihre Abonnenten bei der Stange zu halten. Das geht online gerade verloren. Klicks und Traffic generieren dort die Einnahmen, dabei ist es egal, wie lange jemand auf einer Seite bleibt und wie genau er sich mit einem Text beschäftigt. In diesem Wettbewerb gewinnt der Lauteste und Aufregendste, nicht der, der am korrektesten arbeitet.

Ryan Holiday im Interview mit der FTD

Unterdessen geht das Print-Sterben weiter. Jüngstes Opfer ist das traditionsreiche US-Magazin Newsweek, das künftig nach 80 Jahren im Papierformat nur noch online erscheintIn Deutschland brechen die überregionalen Tageszeitungen ein, auch gedruckte Boulevardzeitungen verlieren extrem. Die Auflagenentwicklung von Springer Bild-Zeitung erscheint bereits seit längerem wie mit dem Lineal gezogen. Kleiner Trost für Print: Auch TV-Nachrichten verlieren dank des Internets stark an Reichweite.

Andererseits gelingt es klassischen Printmarken auch online ihre Reichweite zu stärken. Besonders davon profitieren konnten 2012 laut der Allensbacher Computer- und Technik-Analyse (PDF) die Medienmarken Computerwoche, FTD, Macwelt und Handelsblatt, berichtet Meedia. Ihre Online-Leserschaft geht besonders weit über die angestammte klassische Leserschaft der Print-Produkte hinaus.

Ein Land, in dem Print-Produkte noch wachsen, ist Brasilien. Unter anderem die New York Times, die Financial Times und El País setzen daher auf das lateinamerikanische Schwellenland, berichtet The Next Web.

Die Axel-Springer-AG will dagegen das Digitalgeschäft ausbauen und neue Paywalls errichten. Bisher sei angestrebt worden, dass dieser Bereich bis 2020 die Hälfte des Konzernumsatzes erwirtschafte. „Ich bin optimistisch, dass wir dieses Ziel vielleicht auch früher erreichen“, sagte Springer-Chef Matthias Döpfner im Interview mit Reuters. „Wir wollen mit dem Online-Auftritt der ‚Welt‘ bis zum Ende des Jahres startklar sein für die Umwandlung in ein Bezahlmodell„, sagt er weiter. Nach dem Vorbild der New York Times sollen einige Artikel kostenlos abrufbar sind und nur regelmäßige Leser zur Kasse gebeten werden. „Ausgerechnet Welt Online“, mag sich manch einer denken. Immerhin hat die Online-Ausgabe von Springers Tageszeitung-Flaggschiff unter Journalisten den eher zweifelhaften Ruf als Klick-Maschine, die selbst aus „333 Fakten über Sex“ oder der Frage „Wem gehört welches Dekolletè?“ eine Bildergalerie verwandelt.

Beim Paid Content kommt es nicht auf Masse an, erklärt Sueddeutsche.de-Chefredakteur Stefan Plöchinger (Twitter) im Interview mit dem Medienradio von Philip Banse (Twitter). Demnach wird der Grundstock an Informationen im Online-Journalismus immer frei zugänglich sein – alleine weil Marktführer Spiegel Online erklärt hat, bei diesem Modell zu bleiben. Es gehe vielmehr darum, die ein bis zwei Prozent echten Fans einer Medienmarke davon zu überzeugen für Premium-Inhalte Geld zu bezahlen. Bei einem Jahres-Abonnement von 360 Euro im Jahr wie bei der Süddeutschen Zeitung kämen da bereits bei einem kleinen Kundenstamm beträchtliche Summen zustande. Fraglich ist allerdings aus meiner Sicht, ob ein solches Preisniveau auch online zu halten ist.

Wie große Teile der deutschen Presse die Zukunft des digitalen Nachrichten-Konsums seiner Meinung nach verschlafen schildert der Medienjournalist Jan Söfjer (Twitter) in einem Eintrag auf Facebook. Seit er ein Smartphone besitzt, liest er viel mehr Online-Nachrichten, vor alle als App. Die Apps können zwar nicht mehr als die mobile Website, lassen sich aber bequem aufrufen. Söfjer versteht nicht, warum verschiedene große Nachrichtenportale – darunter Zeit Online und Sueddeutsche.de keine App für Android im Angebot haben.

Google vs. Zeitungsverlage ist eine Neverending-Story mit internationalen Dimnesionen. In Frankreich droht Google droht mit einem Verlinkungs-Stopp für Medienseiten, um eine Zwangsabgabe der Verleger zu umgehen. In Brasilien boykottieren unterdessen 154 Zeitungen Google News. Unterdessen erklärt Meedia, warum die Verlage Google auch dankbar sein sollten. Neunetz.com ist unterdessen über einen Pro-Leistungsschutzrecht-Artikel der FAZ entsetzt.

Wenn wir diese Forderung nach einer mit öffentlichen Geldern finanzierten Suchmaschine, die ein Steckenpferd des FAZ-Mitherausgebers Frank Schirrmacher zu sein scheint, mit der auch in der FAZ zu findenden Forderung verbinden, dass Suchmaschinen für die Verlinkung von Presseinhalten bezahlen müssen und sie auf dieses teure Privileg nicht verzichten dürfen, heißt das dann, dass die FAZ über den Umweg der staatlich finanzierten Suchmaschine hofft, sich mit öffentlichen Geldern teilzufinanzieren?

Quelle: Neunetz.com

Großes Blog-Sterben bei FAZ.Net: Wie Medienjournalist Stefan Niggemeier auf Twitter feststellte, stellt die FAZ auch das Blog Biopolitik von Oliver Tolmein ein. Es ist damit das dritte FAZ-Blog binnen einer Woche, das eingestellt wird. Zuvor mussten bereits das Fernsehblog das und Supermarktblog schließen. Alle Blogs sollen depubliziert werden – die Inhalte werden also gelöscht. Auf eine Anfrage von mir via Twitter, warum die Inhalte nicht stehen bleiben, antwortete die FAZ nicht.

Wie die Crowd Journalismus finanzieren kann – damit habe ich mich bereits in dem Beitrag Crowd-Journalismus hat ein Trittbrettfahrerproblem beschäftigt. Das Nieman Journalism Lab klärt nun darüber auf, wie ein Journalismus-Projekt auf der Crowdfunding-Plattfort Kickstarter zum Erfolg wird. Die wichtigsten Faktoren: ein starkes Netzwerk, ein Projekt mit klarem Ziel, das irgendwann erreicht ist und etwas Glück.

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3 Kommentare zu “Journalisten schlagen bei Leser-Kommentaren zurück und mehr – lesenswert im Web

  1. […] Derzeit ist einiges los im deutschen und internationalen Journalismus. Die wichtigsten Nachrichten im Überblick: Experimentierfreude beim Hamburger Abendblatt: Die Lokalzeitung aus dem Hause Spring…  […]

  2. Daniel sagt:

    Jeff Jarvis ist kein Professor, sondern Journalist. Dass er als Gastdozent an einem College Kurse in Onlinejournalismus belegt hat, macht ihn zum Hochschullehrer (amerikanisch Englisch: professor), aber noch lange nicht zum Professoren.

  3. Vielen Dank für diesen Hinweis, Daniel – da hast du völlig recht. Ich habe das korrigiert.

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