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Kasino-Kapitalisten fressen Journalisten und mehr – der Wochenrüblick

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27/10/2012 von Stephan Dörner

Kasino-Kapitalisten fressen Journalisten titelt die FAZ, die ausführlich über die Massenentlassungen bei Spaniens größten, renommiertesten und international bekannten Zeitung El País berichtet. Die These: Eine wirtschaftlich eigentlich noch sehr erfolgreiche Redaktion muss für den durch finanzielle Abenteuer verschuldeten Mutterkonzern Prisa bluten.

Wie eine verschreckte Schafherde haben sich die spanischen Tageszeitungen um die Schlachter in ihrer Mitte geschart – Controller der Geldinstitute, die für Schuldkredite einstehen und inzwischen in einen Großteil des Printjournalismus hineinregieren – und warten schweigend ab, wer als Nächstes zur Schlachtbank geführt wird. Selbst die ideologischen Gegner von damals, auf deren Angriffe man immer zählen konnte, blöken nicht mehr. Vielleicht fürchten sie, dass es ihnen morgen ähnlich ergeht.

Quelle: FAZ.Net

In Deutschland geht es gerade der Redaktion vom Hamburger Abendblatt an den Kragen. „Die Axel Springer AG verordnet angesichts schrumpfender Auflagen ihren Zeitungen einen Sparkurs und beendet de facto nach über 60 Jahren die Eigenständigkeit der einstmals stolzen Regionalzeitung“, berichtet Turi2. Auf Nachfrage von kress.de hieß es, dass Stellen abgebaut werden – allerdings in „sozialverträglicher Weise“. Auf Twitter weist Thomas Knüwer darauf hin, dass die Zeit im August 2011 behauptete, die Rendite des Hamburger Abendblattes sei „schwindelerregend hoch“.

Die Unternehmensberatung Roland Berger hat sich in einer Studie mit der Zukunft des Journalismus beschäftigt und dabei ein Phrasen-Monster als Ergebnis veröffentlicht, meint zumindest Meedia. Kostprobe: Zeitungen und Zeitschriften müssten sich „individuell und orientiert an den Bedürfnissen ihrer Leser ihre Relevanz im neuen Medienkontext neu erfinden und eine relevante Erlebniswelt aufbauen“ – wer hätte das gedacht? Thomas Knüwer findet die Studie weniger kritikwürdig und greift sie auch in seinem Blog auf. Warum, erklärt er etwas ausführlicher auf Facebook in einer Diskussion mit Noch-Handelsblatt-Ökonom Olaf Storbeck.

Apple überrumpelt Verlage und Programmierer mit einer Preiserhöhung für Apps im Euro-Raum. Wieder einmal zeigt sich, wie groß die Macht von Apple bei den Verlagsinhalten auf iPad und iPhone ist – der Konzern, über den Axel-Springer-Chef 2010 in einem Fernsehinterview mit dem US-Journalisten Charlie Rose sagte: „Jeder Verleger der Welt sollte sich einmal am Tag hinsetzen, um zu beten und Steve Jobs dafür zu danken, dass er die Verlagsbranche rettet“. Nun werfen die Verleger Apple einen Preisüberfall vor. Das Problem: Die Preise von Apps können bei Apples App Store für iOS und dem Mac App Store nicht frei eingestellt werden, sondern nur in von Apple vorgegebenen Preisstufen. Nun sind einige Titel wie der Spiegel auf dem iPad teurer als im Print am Kiosk. Die Alternative wäre nur ein deutlich günstigerer Preis.

Mit dem Thema Presse-Ethik und Rassismus beschäftigte sich in dieser Woche Deniz Yücel in der Taz angesichts der Tatsache, dass in Berlin ein 20-jähriger Thai-Deutsche von Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund totgeschlagen wurde. Das „südländische Aussehen“ der Täter erwähnte einige Medien wie der Tagesspiegel. Der Presse-Kodex sieht vor, dass ethnische Zugehörigkeit nur erwähnt wird, wenn sie im direkten Zusammenhang mit der Tat steht, um Rassismus nicht Vorschub zu leisten. Yücel schreibt dazu:

Die gleichen Maßgaben gelten für Taten, welche im Polizeideutsch „Rohheitsdelikte von Jugendgruppengewalt“ heißen. 1.049 solcher Delikte hat die Berliner Polizei im vergangenen Jahr registriert. 32 Prozent der Tatverdächtigen waren ausländische Staatsbürger (ohne Illegale), weitere 41,5 Prozent deutsche Staatsbürger mit Migrationshintergrund. Macht zusammen 73,5 Prozent – bei einem Anteil von 43,1 Prozent an allen jugendlichen Einwohnern. Einen noch größeren Wert vermerkt die Statistik lediglich für die Geschlechtszugehörigkeit der Tatverdächtigen: 82,8 Prozent Männer. Wer aus Furcht vor Pauschalisierungen die Hakans und Mohammeds nicht beim Namen nennen will, kann ebenso die Geschlechtszugehörigkeit verschweigen. Die Opfer waren Menschen, die Täter auch, und wir sind alle schwer betroffen.

[…]

Vielleicht erfolgte die einzige Erziehung, die die Mordbuben vom Alexanderplatz und ihresgleichen genossen, mit der Gürtelschnalle; vielleicht sahen ihre Eltern verzweifelt und ohnmächtig zu, wie ihre Söhne auf die schiefe Bahn gerieten. Vielleicht spielt der Islam eine Rolle, mithin in einer degenerierten Form, vielleicht ist diese Jugend auch eine ohne Gott. Vielleicht hatten diese Typen schon in der Schule keine Chance, vielleicht fühlen sie sich ausgegrenzt. Vielleicht hat der Kapitalismus keine Verwendung für sie und die Onkelökonomie auch nicht. Vielleicht sind sie arbeitslos, vielleicht auch gelangweilt. Vielleicht haben sie bloß zu kleine Schwänze. Auf jeden Fall haben sie gehörig einen an der Waffel und man hindert sie besser daran, das zu tun, was sie sonst tun.

Denn nichts von alledem ist eine Entschuldigung dafür, ohne jeden Grund und bar jeden Mitgefühls einen bereits am Boden liegenden Menschen totzutreten. Dazu hat sie niemand gezwungen. Wenn sie zuschlagen, dann tun sie es, weil sie zuschlagen wollen. Sie sind nicht das, was ihnen – vielleicht nach „Hurensohn“ und „Jude“ – als größte Beleidigung gilt: Opfer.

Quelle: taz.de

Medienboykott gegen Til Schweiger: Hamburger Morgenpost und dpa wollen sich nicht auf die Spielregeln des neuen „Tatort“-Schauspielers einlassen. Er wollte sogar Überschriften und Zwischenüberschriften vorher schriftlich vorgelegt bekommen und vorab genehmigen, berichtet Meedia. Zuletzt hatte die New York Times die Praxis der Autorisierung von Zitaten abgeschafft. Beim Wall Street Journal und vielen anderen US-amerikanischen Zeitungen gibt es generell keine Eingriffsmöglichkeiten in Zitate durch den Interviewten.

Wirtschaftsblogger Dirk Elsner erklärt im Blicklog, warum er den Ökonomen, Blogger und Journalisten Olaf Storbeck beim Handelsblatt vermissen wird. Storbeck wechselt zum Kommentar und Analysen-Dienst BreakingViews von Reuters, will der Blogger-Welt aber erhalten bleiben.

Nach der CSU-Affäre die Anrufe bei Medien durch Söder-Sprecher Strepp berichtet Spiegel Online von einem weiteren Fall: „Die Sprecherin von Markus Söder hat beim Bayerischen Rundfunk angerufen, weil ein Beitrag über ihren Chef missfiel. Auch bei SPIEGEL ONLINE versuchte Ulrike Strauß, Einfluss auf die redaktionelle Arbeit zu nehmen. Statt Anfragen über Atomendlager zu beantworten, beschwerte sie sich über die Recherche.“

Deutsche Journalisten versagen im internationalen Vergleich beim Thema Social Media. Laut einer Studie des dem PR-Sofware-Anbieter Cision Germany schneiden kanadische Journalisten am besten ab, dicht gefolgt von den USA und Großbritannien. Deutschland liegt auf dem achten Platz, berichtet Lead Digital.

Die britische BBC hat eine neue mobile Website. Seit dieser Woche werden alle Smartphone-Besucher der BBC-Website auf die neue mobile Website gelenkt.

Meine Twitter-Liste für Journalisten hat in  dieser Woche für viel Aufmerksamkeit im Social Web und zahlreiche Reaktionen gesorgt. Unter anderem Johannes Fischer (Twitter) und Kirstin Marquardt (Twitter) haben sie um eigene ausführliche Listen ergänzt. Bei Rivva lässt sich verfolgen, wer die Liste im auf Twitter, in Blogs und auf Facebook aufgegriffen hat.

War sonst noch was? Meedia berichtet über neue Gerüchte um Einstellung der Frankfurter Rundschau. Falls die traditionsreiche linksliberale Zeitung wirklich eingestellt werden sollte, kann ich nur jedem vorher dazu raten, sich einmal die iPad-App der Zeitung anzusehen. Die ist nämlich hervorragend gemacht und kostet – nach der Preiserhöhung von Apple – nur 89 Cent pro Ausgabe.

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