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Serie: Wie Online-Journalismus anders geht

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26/09/2013 von Stephan Dörner

Teil 1: Quartz, Slate, Medium.com und Circa

In den folgenden Monaten will ich einige journalistische Online-Formate vorstellen, die Journalismus im Netz anders machen – und damit digitale Experimente wagen, die kein klassisches Vorbild mehr im Papierzeitalter haben.

Quartz

Was die Seite anders macht: Quartz ist ein US-Wirtschaftsmagazin, das rein digital erscheint und von Grund auf für die digitale Erscheinungsform entwickelt wurde. Das übersichtliche Design der Website ist für Tablets und Smartphones optimiert, funktioniert aber auch gut auf Desktop-PCs. Die Inhalte von Quartz richten sich an eine elitäre Gruppe: „globale Wirtschaftsführer – digital-affine, postnationale Manager, die nach Informationen suchen, die ihnen helfen, sich besser in einer neuen globalen Ökonomie zurechtzufinden.“

Das Magazin hat Top-Journalisten von etablierten Marken wie The Wall Street Journal abgeworben. Global News Editor Gideon Lichfield, der vom britischen Economist wechselte, schrieb in seinem Blog, dass Quartz sich vom in englischen Newsrooms etablierten Prinzip der Beats verabschiedet hat. Damit ist gemeint, dass bestimmte Redakteure bestimmten Themen wie Unternehmen oder Finanzmärkten zugeordnet sind, die sie betreuen.

„Statt um starre Beats strukturieren wir unseren Newsroom um eine Sammlung von sich ständig verändernden Phänomenen – die Muster, Trends und richtungsweisenden Veränderungen, die die Welt formen, in der unsere Leser leben“, schreibt Lichfield. „Finanzmärkte sind ein Beat aber ‚die Finanzkrise’ ist ein Phänomen.“ Aktuelle Phänomene, die Quartz derzeit abdeckt, sind unter anderem die Veränderungen auf dem Energiemarkt, Chinas Wandel, das mobile Web, Cloud Computing, die Eurokrise, digitales Geld, die Zukunft des Finanzwesens und Veränderungen auf dem Konsumentenmarkt.

Quartz ist kostenlos und werbefinanziert – setzt aber nicht auf klassische Werbebanner. Gestartet ist Quartz Ende 2012 mit den vier Sponsoren Boeing, Credit Suisse, Chevron und Cadillac – dieselben Sponsoren, die auch das Online-TV-Format Huffington Post Live zum Start unterstützt haben. Von vorne herein wurde das Geschäftsmodell auf allein auf gesponsorte Inhalte ausgelegt, die Quartz Bulletins genannt werden. In einem Artikel beim Nieman Journalism Lab erklärt Medienjournalist Ken Doctor das Geschäftsmodell von Quartz.

Die Erfolge: Quartz ist erst im September 2012 online gegangen. Die Qualität der Inhalte kann überzeugen – ob auch das Geschäftsmodell funktioniert, muss sich noch zeigen. Nach eigenen Angaben konnte Quartz seit dem Start 21 Millionen Leser erreichen, damit seien alle Erwartungen übertroffen worden. Mehr als die Hälfte Besucher habe über soziale Medien auf die Website gefunden.

Slate

Was die Seite anders macht: Slate gehört schon zu den etablierteren Formen des neuen Journalismus im Web – bereits 1996 wurde das Online-Magazin ursprünglich von Microsoft als Teil des Online-Newsportals MSN aufgebaut, seit 2004 gehört es zur The Washington Post Company – bis heute. Jeff Bezos hat Slate also nicht zusammen mit der Washington Post übernommen.

Stilistisch bewegt sich Slate stets zwischen klassischen Magazininhalten und Blogs – mit einem Qualitätsanspruch an die Artikel allerdings, der klassischen etablierten Magazinen in nichts nachsteht. Im Fokus stehen sehr häufig gesellschaftliche, politische und kulturelle Themen, die meist aus urban-linksliberaler Perspektive betrachtet werden. Besondere Mühe gibt sich Slate darin, die Artikel durch eine kurios-interessante Überschrift anzupreisen. Eine typische Überschrift lautet beispielsweise: „Ja, Sie haben einen freien Willen – hier sind die Gründe dafür.“ Mit derartigen Überschriften orientiert sich Slate bereits seit Jahren an dem Prinzip, mit Überschriften die Neugier von Lesern anzustacheln und auf Suchmaschinen zu optimieren – das hilft inbesondere bei der Verbreitung der Artikel über soziale Medien.

Unter der Kategorie „The Slatest“ laufen auch aktuelle Nachrichten ein – meist von der Nachrichtenagentur AP.  Seit 2005 betreibt Slate auch zahlreiche Podcasts. Vor kurzem gab es ein Redesign, das die Website stärker an mobilen Geräten ausrichtet.

Die Erfolge: Slate hat sich in den USA als Medienmarke etabliert und verdient Geld. Ursprünglich hat das Unternehmen hinter der alteingesessen Zeitung Washington Post Slate nicht als Geschäftsmodell gekauft, sondern um technikaffines Personal und Expertise einzukaufen, mit deren Hilfe auch der Journalismus des Mutterschiffs ins digitale Zeitalter transformiert werden sollte. Letztlich stellte sich Slate als funktionierendes Geschäftsmodell heraus, während die seit Jahren Verluste schreibende Washington Post an Amazon-Gründer und Chef Jeff Bezos verkauft wurde.

Medium.com

Was die Seite anders macht: Medium.com ist kein Medium im klassischen Sinne, sondern eine Plattform für Online-Publishing – gegründet im August 2012 von den beiden Twitter-Gründern Ev Williams und Biz Stone. Die Selbstbeschreibung lautet: „Ein besserer Ort, um über Dinge zu lesen und zu schreiben, die zählen“. Die Plattform sei ein Ort im Netz, an dem Leute Texte veröffentlichen können, die länger als 140 Zeichen sind und nicht nur für Freunde interessieren – „von kleinen Artikeln, die Freude machen bis zu Manifesten, die die Welt verändern.“

Tatsächlich steht und fällt das Konzept damit mit der Auswahl der publizierten Texte – Blog-Plattformen wie WordPress.com, auf denen jeder Beliebiges publizieren kann, gibt es schließlich bereits.

Und tatsächlich macht Medium.com bei der Kuratierung der Artikel einen verdammt gute Job – einige der interessantesten Texte, die ich dieses Jahr gelesen habe, wurden auf dort veröffentlicht. Qlle zeichneten sich durch eine besondere Tiefe auf, die bei klassischen Medien so nicht zu finden ist. So fand ich auf Medium.com eine der ersten und besten Analysen über das NSA-Überwachungsprogramm Prism. Die Autoren werden übrigens nicht bezahlt.

Die Erfolge: Medium.com ist es gelungen phantastische Autoren davon zu überzeugen auf der Plattform zu publizieren – doch bislang noch keine große Reichweite damit erzielt. Eine Sprecherin der Web-Analyse-Firma Comscore sagte im vergangenen August Bloomberg Businessweek, dass die Website so wenige Besucher habe, dass der Traffic von Comscore nicht erfasst würde.

Möglicherweise geht es Medium.com aber auch gar nicht um Reichweite. Ev Williams äußerte sich im selben Artikel „pessimistisch“ über den Zustand der Medien. „Die ökonomischen Gesetze des Journalismus treiben die Dinge in die falsche Richtung, gleichzeitig gibt es mehr großartige Dinge, die geschrieben werden, als je zuvor“, sagte er.

Circa

Was Circa anders macht: Circa ist eine Nachrichtem-App – und von allen hier vorgestellten Projekten vielleicht das mutigste. Circa wurde von Grund auf neu gedacht – als News-App, die auf die Möglichkeiten eines Smartphones und die Gewohnheiten von Smartphone-Nutzern optimiert wurde. Verkürzt gesagt bietet Circa Nachrichten in Häppchenform in einer App – zunächst wird das Wichtigste in einem kurzen Absatz zusammengefasst, bei größerem Interesse können immer längere und detailliertere Absätze ausgeklappt werden.

Die einzelnen Häppchen sind natürlich prädestiniert dafür, über soziale Medien wie Twitter verbreitet zu werden – und das macht einem die App einfach. Von der Redaktionsseite gedacht ist die Häppchenform praktisch, weil sich so ein Nachrichtenartikel sehr einfach aktualisieren lässt, ohne die anderen Teile der Nachricht ändern zu müssen, die noch aktuell sind.

Die Erfolge: Circa ist abseits von Medienjournalisten, die vor allem die innovative Darstellungsform interessant fnden, noch wenig bekannt. Das Unternehmen konnte eine Reihe von Investoren überzeugen – ein Geschäftsmodell oder Zahlen über den Erfolg der App stehen aber noch aus. Bislang ist Circa vor allem ein mutiges Experiment – und vielleicht eine Anregung dafür, wie Nachrichten auf Smartphones auch anders präsentiert werden können.

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3 Kommentare zu “Serie: Wie Online-Journalismus anders geht

  1. […] unter dem Titel “Wie Online-Journalismus anders geht” gestartet, im ersten Beitrag Quartz, Slate, Medium.com und Circa stellt er Online-Publikationen und Apps vor, die in Deutschland noch relativ unbekannt […]

  2. gsohn sagt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt.

  3. Mich hätte interessiert, ob das Konzept mit atomisierten Textbausteinen tatsächlich funktionieren kann. Meine Erfahrung ist eher, dass Textbausteine je nach Einsatz vom Autor wieder geändert werden muessen. Oder?
    Sehr informatives Blog!

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