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Flipboard und Abendzeitung: Millionen für Filter, Pleite für Inhalte-Ersteller?

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05/03/2014 von Stephan Dörner

Foto: Flipboard

Foto: Flipboard

Zwei Nachrichten beschäftigen heute die deutsche Medienbranche:

Die eine lautet, dass mit der Münchner Abendzeitung eine weitere Traditionszeitung Insolvenz angemeldet hat. Die zweite, vielleicht weniger aufsehenerregende Nachricht: Die Medienmagazin-App Flipboard kauft die Konkurrenz-App Zite für 60 Millionen Dollar von CNN. Der US-Nachrichtensender hatte vor drei Jahen noch 20 Millionen Dollar für Zite gezahlt. Flipboard selbst wurde schon 2011 mit 200 Millionen Dollar bewertet.

Beide Apps bedienen sich fremder digitaler Inhalte – journalistischer wie nicht-journalistischer – und bereiten diese optisch wie ein Magazin auf Tablet oder Smartphone auf. Als Quelle dienen dabei soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter, wodurch persönliches Präferenzen beachtet werden.

Ein Ersteller von Inhalten geht also pleite, während sich der Wert eines reinen Aggregators und Aufbereiters fremder Inhalte binnen drei Jahen verdreifacht hat. Ein Symptom der Zeitungsbranche? Ja meint Jens Rehländer (Twitter), Ex-Redaktionsleiter von Geo.de und heute in der PR, dessen Blog-Artikel „Warum man mit Online-Journalismus kein Geld verdient“ in den vergangenen Tagen von Journalisten fleißig auf Facebook und Twitter geteilt wurde.

Rehländer beklagt „von Jahr zu Jahr die immer gleichen Verheißungen und Durchhalteparolen“. Tatsächlich ist beispielsweise die Anzahl der via Crowdfunding finanzierten Reportagen in Deutschland überschaubar, wie ein Blick auf Krautreporter.de verrät. Und jeder, der Journalisten kennt, die auf dieses Modell schon einmal gesetzt haben, weiß: Crowdfinanzierter Journalismus bedeutet derzeit sehr viel Arbeit für vergleichsweise wenig Geld.

Während die Theoretiker jede Woche einen neuen Hype mit hektischen Kommentaren durch die Blogosphäre und die sozialen Netzwerke treiben, scheitern die Praktiker: Die Zahl der über Jahre durch Crowdfunding finanzierten Recherchen liegt unter der Zahl von Reportagen, die etwa der STERN in einer einzigen Ausgabe druckt.

Jens Rehländer

Reich werden nur die Aggregatoren, schreibt Rehländer weiter. „Die einzigen, die Wertschöpfung aus journalistischem Wissen und Talent ziehen, sind Dienste, die mit Online-Journalismus nichts am Hut haben: Auch mit den kostenlosen Beiträgen und Nachrichten aus der Blogosphäre wurden Google, Facebook, Twitter zu milliardenwerten Unternehmen.“ Damit wiederholt er zwar die eigentümliche Sicht einiger Verlage – immerhin gäbe es Google, Facebook und Twitter auch ohne Journalismus und Blogs – das Abhängigkeitsverhältnis besteht eher umgekehrt. Aber der Fall Flipboard und Zite scheint ihm Recht zu geben.

Nun zeigt genau der Fall Zite aber auch: Im Internet entstehen durchaus neue Geschäftsfelder im direkten Umfeld des Journalismus, die für Investoren offenbar sehr interessant sind. Und anders als Google und Facebook, die auch ohne Journalismus funktionieren, sind Apps wie Flipboard und Zite tatsächlich auf journalistische Inhalte angewiesen.

Spätetestens wenn es ihnen darum geht, diese Inhalte zu Geld zu machen, werden sie sie lizenzieren müssen – und das bedeutet dann Zusatzeinnahmen für die Ersteller der Inhalte. Für eine App beispielweise, die auf jene Nachrichten per Push-Notification hinweist, die den Nutzer wirklich interessieren, sind Nutzer vermutlich auch bereit Geld hinzulegen. Dass Verlage so etwas derzeit nicht entwickeln, sondern externe Start-ups, zeigt die Trägheit der Medienkonzerne. Gleichzeitig entstehen so aber endlich auch funktionierende digitale Geschäftsmodelle, die wirklich auf journalistische Inhalte angewiesen sind.

Das Geschäft mit Partnerschaftsvermittlung, Stellenanzeigen, Auto- und Immobilienverkauf ist schon an solche Online-Start-ups gegangen – doch sie konnten ihr Geschäftsmodell von den journalistischen Inhalten trennen. Das können Flipboard und Co nicht. Für alle Ersteller von journalistischen Inhalten – sprich Journalisten – sind das gute Nachrichten, auch wenn kurzfristig sicher noch die negativen Nachrichten die Branche dominieren werden.

PS: Zur Pleite der Abendzeitung hat Karsten Lohmeyer (Twitter) eine sehr schöne Analyse geschrieben.

PPS: Eine interessante Personalentscheidung in den Medienbranche gab es heute auch noch. Der Axel-Springer-Verlag holt den Start-up-Investor, Tech-Pionier und FON-Gründer Martin Varsavsky in den Aufsichtsrat.

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Ein Kommentar zu “Flipboard und Abendzeitung: Millionen für Filter, Pleite für Inhalte-Ersteller?

  1. ericschreyer sagt:

    Flipboard ist erfolgreicher als GOOGLE current und GOOGLE play Kiosk. Das stärkt die These, wonach Aggregatoren ohne Suchmaschinen existieren können. Journalisten bieten ihre Inhalte aktiv an und erhalten von Flipboard ein personalisiertes Layout, das für Traffic sorgt. Auch für die eigene Reichweite ist das nützlich. Aber: wo sind die „sidelines“, um Geld zu verdienen?

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