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Marina Weisband gegen Spiegel – oder wenn der Interviewte zurückschlägt

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04/11/2012 von Stephan Dörner

Ein bereits älterer Spiegel-Titel. Im Internet gerne “ehemaliges Nachrichtenmagazin” genannt.

Im Zeitalter des Internets haben Politiker und andere Prominente einen Vorteil: Sie können gegen Medien, von denen sie sich missverstanden fühlen, zurückschlagen. Es gibt viele Beispiele, in denen in Medien aus Eigeninteresse, wenn überhaupt, nur die halbe Wahrheit erzählen. In den meisten Fällen einfach deshalb, weil so die Geschichte schöner wird.

Ein Medium, das berüchtigt dafür ist, dass Fakten und Zitate nicht unbedingt korrekt und vollumfänglich im Sinne des Zitierten wiedergegeben werden, ist der Spiegel. Ein Beispiel dafür ist die Kampagne des Spiegels gegen die CSU-Abgeordnete Dagmar Wöhlr. Ich lese den gedruckten Spiegel schon lange nicht mehr, weil ich ihn für ein schlechtes Magazin halte, in dem es zunehmend nur noch darum geht, Wirklichkeit in Form einer schön erzählten Geschichte samt Spannungsbogen und Dramatik zu konstruieren statt wirklich hintergründig zu informieren. Dazu kommt immer wieder peinliche Inkompetenz, wenn es um neue Technologien und das Internet geht.

Ein aktuelles Beispiel für den journalistischen Niedergang des gedruckten Spiegels ist ein Artikel, der in gekürzter Form auch online erschien: Piraten rufen nach Comeback von Marina Weisband von Merlind Theile. Weisband schreibt in ihrem Blog über den Artikel:

Viele vernünftige Leute haben mich gefragt: “Hast du die Zitate echt so gebracht? Sind die autorisiert?“  Ich danke für die Nachfrage. Die Antwort auf Beides ist: „Nein“.
Zitate entstehen so:
„Nehmen die Rufe nach Ihnen zu?“ „Es sind hauptsächlich Mentions auf Twitter, in letzter Zeit schon mehr“. (Daraus wurde das Zitat „Die Rufe nach mir nehmen zu.“)

Oder sie fragt: „Aber wäre es nicht das Beste für die Piraten, wenn Sie kandidieren?“ Und ich antworte kopfschüttend: „Für die Piraten mag es vielleicht das Beste sein, aber für mich? Ich weiß nicht, ob ich für den Politikbetrieb gemacht bin.“ (Daraus wurde das Zitat: „Für die Piraten ist es wohl das Beste, wenn ich kandidiere.“)

[…]

Frau Theile hat keine Praxis, Zitate autorisieren zu lassen und darüber hinaus habe ich nur aus Gerüchten überhaupt erfahren, dass es einen Artikel geben soll.  Denn sie hatte das Gespräch gar nicht aufgezeichnet, sich nur Stichwortnotizen gemacht. Ich habe daraufhin gebeten, die Zitate vorher wenigstens sehen zu können. Auch das konnte ich nach Bitten durchsetzen, allerdings ohne Möglichkeit der Einflussnahme. Und auch aus den mir zugeschickten Zitaten wurden teilweise die relevanten Satzteile rausgenommen, neu zusammengesetzt und nach Belieben in neuen Kontext gesetzt, bis ich keines davon wiedererkannte. Das wären Kleinigkeiten, die mich halt wie eine selbstverliebte, arrogante Schlampe aussehen lassen, aber davon habe nur ich den Schaden. Wer drei Sekunden nachdenkt, wird sich eh fragen, warum zur Hölle ich solche Sachen sagen sollte. Vor allem hat aber mehr als die Hälfte der Zitate gefehlt, die überaus relevant war.

[…]

Ironischer weise geht viel meiner Skepsis auf genau solche Artikel zurück. 90% aller Journalisten, mit denen ich mich getroffen habe, waren freundlich und haben sauber gearbeitet, auch wenn sie kritisch schrieben. Aber es gibt immer diese paar wenigen, denen es ums Narrativ geht. Diesen ist es egal, was ihnen gesagt wird. Sie nehmen den ganzen Kontext weg und stürzt sich auf einen Halbsatz, den man zu seinen Gunsten auslegen kann. Das heißt, ich muss extrem vorsichtig sein, was ich zu wem sage, weil ich sonst genau so abgewatscht werde. Und ich habe keinen Bock darauf. Ich habe keine Lust, inhaltsleere Phrasen zu dreschen, weil ich sonst einen auf den Deckel kriege. Und zwar von Presse, die dann nicht nachfragt und wiederum den Spiegel zitiert, und auch von meiner eigenen Partei, die dahingehend ebenfalls oft schmerzhaft unkritisch ist. Ich habe keine Lust, hinter einem willkürlichen Zerrspiegel gezeigt zu werden, ich habe keine Lust, nach jedem Interview bis zu seinem Erscheinen nicht schlafen und Angstzustände zu haben, was drin steht.  Das ist nicht, was ich machen will. Das ist nicht, wozu ich ursprünglich in die Politik wollte.  Ich wollte mich nicht verstellen in Gesprächen mit Menschen, auch wenn sie Journalisten sind.

Dass „Weisband ein Comeback erwägt“ ist nämlich so ziemlich das Gegenteil von dem, was gerade passiert.

Der Fall ist sicher einmal Anlass für jeden Journalisten kritisch seine Arbeit zu überdenken: Geht es nicht all zu vielen darum, die Story gegenüber der Chefredaktion zu “verkaufen” und damit es eine gute Story wird, wichtige Fakten und Zitate aus dem Zusammenhang zu reißen oder wegzulassen?

Die prominenten Köpfe der Piraten haben hier einen Vorteil gegenüber anderen Prominenten, die in den Medien zitiert werden: Sie haben Blogs, die gelesen werden und können somit der Darstellung in den klassischen Medien widersprechen. Noch werden die Blogs vor allem innerhalb der Partei wahrgenommen, sodass viele Mitglieder ein vollständigeres Bild haben, als sie allein über die Massenmedien bekommen würden. Auch Medien sind damit keine intransparenten Organisationen mehr, deren “Wahrheiten” unwidersprochen dastehen und höchstens streng dosiert und durch Redaktionen gefiltert in Leserbriefen Widerspruch erdulden müssen.

Andere Politiker – auch auch außerhalb der Piraten – haben das Bild ebenfalls schon, um es vorsichtig auszudrücken, vervollständigt. Ein weiteres Beispiel ist Grünen-Spitzenpolitikerin Claudia Roth. Als Handelsblatt Online im Aufmacher titelte: “Claudia Roth nimmt Reißaus vor den Piraten“, weil sie ein Streitgespräch des Handelsblatts mit dem NRW-Piraten-Chef Joachim Paul absagte, schrieb sie auf ihrer Website:

17.04.2012 Presse-Echo
Nimmt Claudia Roth Reißaus vor den Piraten?

Die vom Handelsblatt behauptete Aussage, Claudia Roth nähme “Reißaus vor den Piraten” stimmt nicht! Richtig ist hingegen, dass es für den gleichen Zeitraum eine weitere Anfrage der BAMS für ein Doppelinterview mit Sebastian Nerz, dem Bundesvorsitzenden der Piraten, gab. Um beide Diskussionen zu ermöglichen, baten wir das Handelsblatt, die Diskussion mit dem grünen NRW-Landesvorsitzenden Sven Lehmann zu führen. Das war dem Handelsblatt aber “nicht hochrangig genug”. Erst, nachdem der Chefredakteur von Handelsblatt online Oliver Stock zusagte, die Varanstaltung mit unserer Politischen Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke zu machen, sagten wir das Doppelinterview in der BAMS zu. Und gingen davon aus, dass beide Diskussionen ermöglicht werden.

Dass das Handelsblatt drei Stunden später über seinen Print-Chefredakteur Gabor Steingart seine Zusage für Steffi Lemke wieder zurückzog, nachdem unsere NRW-Grünen die Veranstaltung mit Paul und Lemke bereits angekündigt hatten, ist sicher nicht Claudia vorzuwerfen. Bei der ganzen Geschichte geht es also allein um die verletzte Eitelkeit des Chefredakteurs der nach eigener Aussage “wichtigsten Wirtschaftszeitung Deutschlands”.

Das Doppelinterview mit der BamS und die Zusage von Oliver Stock an Steffi Lemke hatte das Handelsblatt in seinem Bericht verschwiegen.

Update vom 5. November 2012: Inzwischen hat Merlind Theile der Darstellung von Marina Weisband im SPIEGELblog widersprochen. Dort schreibt sie unter anderem:

In einem Telefonat am Freitagmittag habe ich Frau Weisband gesagt, dass der Artikel über sie aller Voraussicht nach im nächsten Heft erscheinen und welchen Tenor er haben würde: Dass sich viele ihre Rückkehr wünschen und sie selbst nun abwägt, ob sie für den Bundestag antreten soll oder nicht. Mit diesem Inhalt war Frau Weisband völlig einverstanden. Sie bat bloß darum, ihre wörtlichen Zitate vorab zu sehen. Also mailte ich ihr die für den Text vorgesehenen Zitate am Freitagnachmittag zur Autorisierung.

Alle Zitate des Artikels sind so gefallen, und Frau Weisband hat sie kurz nach Erhalt der Mail telefonisch so bestätigt. Lediglich bei einem Zitat bat sie mich, ein Wort einzufügen. Aus “Für die Piraten wäre es das Beste, wenn ich wieder antreten” – so stand es in meinen Notizen – wurde: “Für die Piraten wäre es wohldas Beste, wenn ich wieder antreten würde.” Auch diesem Wunsch habe ich entsprochen.

Gegen Merlinde Theile spricht allerdings, dass sie unter Piraten bereits einen gewissen Ruf für das Missverstehen von Aussagen genießt, wie Anwalt und Piraten-Mitglied Marcus Kompa in seinem Blog ausführt.

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